Perfekt und katastrophal

Na klasse, das Gespräch war ja mal wieder pefekt bis katastrophal. Perfekt, weil es mir Aufschluss über die Denkmuster einer gewissen Deutschlehrerin und meine eigenen gab, katastrophal, weil – nunja: Nachdem sie mir unterstelle, ich würde nur mehr Punkte wollen, indem sie sagte, es würden nicht mehr werden und eigentlich wäre die Leistung ja nur ausreichend gewesen und die nette Interpretation hätte es gerade noch halbwegs gerettet, somit vollkommen an meinem Problem vorbei unter meine privatidologische Gürtellinie argumentierend, gab ich wie ein kleines Kind volle Breitseite zurück und stellte kühl ihre Konsequenz in Frage. Ihr Blick versteinerte, ich entschuldigte mich und ging.
Was war geschehen? Ich hatte die mangels voriger Konventionsfindung unklare Aufgabenstellung einer Deutschklausur dazu genutzt, immer noch den Aufgaben folgend, ein hübsches Essay über Schuld und Verantwortung, Holflosigkeit und Schwäche zu entwickeln. Ich persönlich halte dies für das einzig Sinnvolle, was man mit Literatur machen kann – sich Gedanken darüber. Jedenfalls fiel der Deutschlehrerin nur auf, dass nicht drin stand, was sie wollte, was sie nichtmal so gefordert hatte, dann strich sie noch ein paar Fehler an, die keine waren, und beschimpfte meinen Abstraktionsversuch als Pauschalisierung. Ließ ich so natürlich nicht so auf mir sitzen, sondern schrieb einen Brief, in dem ich meine Entscheidungen und Formulierungen verteidigte und bat um ein Gespräch.
Das war natürlich eine doofe Idee. Der Brief und das Gespräch behandelten selbstverständlich kaum mein Verständnis davon, wie man Literatur zu verstehen hat, wäre ja zu abstrakt gewesen. Stattdessen beschwerte ich mich über von ihr komisch umformulierte Sätze und komisch gedeutete Begriffe. Und legte eben dar, dass ihre Aufgabenstellung etwas anderes als ihr Erwartungshorizont war. Das gestand sie auch irgendwie ein und, als sie meinte, sie habe das auch von anderen Seiten gehört und habe es sich „notiert“, da resignierte ich irgendwie. Na supi, sie hat es sich „notiert“, was hilft das, wenn sie keine Konsequenzen ziehen möchte? Sie hatte das Schuljahr damit begonnen, uns Artikel gegen schulische „Muss-Lektüre“ lesen zu lassen, eigentlich ein Lichtblick – und danach mussten wir dann genauso Bücher lesen, ohne Seele auf irgendwelchen, mit der aktuellen politischen Situation vereinbaren Interpretationsschienen zuckelnd, anstatt ernsthaft aus den Texten zu lernen. Diese Inkonsequenz werde ich ihr nie verzeihen. Und als ich es ihr heute in der Wut über ihren Germanistik-Fachidioten-Horizont auftischte, war das taktisch natürlich denkbar dumm. Sie sah zwar kurzzeitig getroffen aus, wird es mir aber wohl schlicht übel nehmen und es als eine kleine gegenstandslose Unterestellung aus Rache auffassen, und nicht als so von Herzen kommend, wie es in dieser Sekunde mangelnder Contenance tatsächlich war.
Aber sie glaubt natürlich nur, ich hätte ein Problem damit, dass sie mir so wenige Punkte gibt. Als wäre ich auf ihre paar Grundkurspunkte angewiesen für ein gutes Abi. Als wäre ich auf ein gutes Abi angewiesen, um das aus meinem Leben zu machen, was ich möchte. Nein, worauf ich in meinem Leben wirklich angewiesen bin, das sind Erkenntnisse über die Erkenntnisse anderer aus der Literatur; und die werde ich mir nicht durch ihre Analysekonventionen nehmen lassen!

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